So lebendig kann Schulgeschichte sein

Mit der Veranstaltung „Sinnieren und dinieren“, die am Freitag, den 8.11.2019 in der Cafeteria der DSM stattgefunden hatte, wurde der erste Teil des vom ZfA geförderten Projektes „Lebendige Schulgeschichte“ umgesetzt. Der aktuelle Anlass, 30 Jahre Mauerfall, auch der unsichtbaren Mauer im Moskau, markiert in der Schulgeschichte der DSM eine spannende Zeit, nämlich die Zusammenführung der beiden Deutschen Schulen in Moskau. In der Gesprächsrunde mit den drei eingeladenen Zeitzeugen, Heiner Zeller, dem ersten Schulleiter der DSM (1990-1993), Michael Peters, dem  Schulleitungsmietglied sowohl in der Deutschen Schule bei der Botschaft der BRD als auch in der DSM (!987-94) und Loni Becker, der Physik- und Mathematik-Fachlehrerin in der Deutschen Schule bei der Botschaft der DDR und später an der DSM (1987-92), die von Andre Samarsky und Jana Kamenskaya moderiert wurde, ging es hoch emotional her.

Es erstaunte erst mal die Anwesenden, dass sich nach der Öffnung der Grenze am 9.11.1989 also im laufenden Schuljahr 1998/90 äußerlich an beiden Schulen für die Schüler nichts wirklich veränderte. An der DS bei der Botschaft der DDR feierten die Klassen 8 ihre Jugendweihe im Prunksaal  des RGW-Gebäudes, die Jungpioniere wurden zu Thälmannpionieren und eine weitere Abschlussklasse empfang ihre Zeugnisse, die letzten mit dem Siegel der DDR.

An der DS bei der Botschaft der BRD fanden ebenfalls übliche Aktivitäten und  im Mai 1990 eine Sekttaufte zu Friedrich-Joseph-Haass-Schule statt. Inoffiziell versuchten beide Schulen der ungewissen Zukunft in gegenseitigen Kontakten zu begegnen. Frau Stadtlander, ehemalige Deutsch- und Englischlehrerin an der westdeutschen Schule berichtete sehr lebendig  über einen Hospitationsbesuch von sechs Deutschlehrerinnen der ostdeutschen Schule in ihrem Unterricht, die   in der Besprechung erleichtert feststellten, dass sich der Unterricht ja doch nicht so sehr von dem unterschied, was sie auch machten.

Obwohl diese ersten Begegnungen, zum Teil auch zwischen Schulkalssen, erst in Mai/Juni und dann im September unregelmässig zu Stande kamen, waren sie nicht erlaubt. Herr Peters erinnerte sich an eine Weisung seitens der Botschaft und den Kommentar, dass in Moskau keine Schulvereinigung vor der Einigung vollzogen wird. Trotzdem wurde im Kollegium an beiden Schulen  über die methodisch-didaktischen und organisatorischen Fragen im Falle einer Zusammenlegung der beiden Schulen heftig diskutiert und sogar Wetten, was den Zeitpunkt angeht, abgeschlossen.

Nach dem Umzug am 4.10.1990 übernahm Herr Zeller die Leitung der „Gesamtdeutschen Schule“ in Moskau  und obwohl er bereits 15 Jahre als Schulleiterunktion einer Gesamtschule jede Menge Erfahrungen mit heterogenen Klassen gesammelt hatte, war der Anfang in Moskau so schwierig, dass es ohne externe Hilfe eines Schulpsychologen nicht zu bewältigen wäre.

Die Zahl der Schüler der ehemaligen Schule bei der Botschaft der DDR hat sich in dieser Zeit halbiert, da viele Familien zurückkehren mussten oder wollten. Mit den dazugekommenen westdeutschen Schülern wurden, so weit es ging, gemischte Klassen gebildet, die relativ schnell zusammenwuchsen und homogen wirkten. Das Kollegium bestand ebenfalls aus Lehrkräften beider Schulen, wobei es relativ große Diskrepanzen in der Vergütung gab. Frau Stadtlander berichtete, dass sie sich empörte und dagegen stemmte, dass die ostdeutschen Lehrkräfte 20% weniger Lohn für die gleiche Tätigkeit an der DSM bekamen.

Angesichts der geringen Schülerzahl setzte sich Herr Zeller dafür, die Schule auch für die russischen Familien zu öffnen, vor allem dann, wenn die Kinder über gute Deutschkenntnisse verfügten.

In einem Präzedenzfall, ein russisches Mädchen, das bereits die Deutsche Schule in Warschau besucht hatte, gegen den Vorstandsbeschluss, in die 2. Klasse einzuschulen, schaltete er das Bundesverwaltungsamt ein, und setzt sich durch. Sein Vertrag wurde zwar nicht verlängert, aber sein Prinzip war richtig und vorausschauend. Das Mädchen machte an der Schule Abitur. Ihr Vater, Juri Kiselev, erzälte an diesem Abend sehr bewegt, dass er sehr lange ein schlechtes Gewissen, gegenüber seinem Freund, Heiner Zeller hatte, bis er verstand, dass es nicht um seine Tochter ging, sondern ums Prinzip.

Es gab viele solche persönlichen Gechichten an diesem Abend und alle sind sie ein  Teil der Geschichte der Schule, weil sie von Alumni und Lehrkräften diesr Schule erlebt und für uns in der Erinnerung bewahrt wurden.

Einige kleine Episoden wurden von der Presse AG unter der Leitung von Frau Zwanzig digital konserviert, um die Stimmung dieses Abends, dem viele ehemaligen und heutigen Schülerinnen, Schüler und Lehrkräfte beiwohnten, einzufangen und zu erhalten.

Am Samstag wurde die ganze Schulgemeinde zu einer Feierstunde im Foyer eingeladen. Nach den Grußworten vom Vorstandsmitglied Stefan Kühr und dem Leiter der Rechts- und Konsularabteilung  Herrn Lorenz, in Vertretung des Botschafters,  Dr. Geza von Geyr, hielt Reiner Janicki, der Vorstand von The Wall Net e.V, einem anerkannten gemeinnützigen Verein zur Förderung internationaler Gesinnung und Völkerverständigung, einen interessanten Vortrag über das Projekt „The Berlin Wall across the world“ und die gleichnamige Foto-Ausstellung. In der anschließenden Gastrede, erörterte der „Wende“-Schulleiter, Heiner Zeller, die bildungs-politischen Aspekte der Wiedervereinigung am Beispiel der Zusammenführung der beiden deutschen Schulen in Moskau. Hierfür gab es viele interessante Fragen und Nachfragen aus dem Publikum.

Die Veranstaltung endete mit einer ausgelassenen „Mauerfall-Party“ im Jugend Club.